"Bis morgen", sagt der smarte Junge noch, als er sich nachts vor der Disco von seiner Freundin verabschiedet und ins Auto steigt. Morgen gibt es nicht mehr für ihn. "In deinem Auto wolltest du immer der Schnellste sein. Jetzt warst du der Schnellste, schneller als das Leben." Die Szene findet nur im Film statt, aber sie trifft etliche der 130 jungen Leute im Saal ins Mark. 130 Berufsschüler, zumeist junge Männer, genau in dem Alter wie der hübsche Kerl im Film, den die Rettungskräfte nur noch zudecken können.

Auf die Plätze - fertig - voll


Aktion Discofieber: Warum? - MyVideo

Damit den Schülern so etwas nicht passiert, wird großer Aufwand betrieben. "Disco-Fieber" heißt eine Aktion, die die Landeszentrale für Gesundheit in Bayern zusammen mit Polizei, Rettungsdienst, Feuerwehr, Landratsämtern in den Schulen anbietet. Mit Filmen, die unter die Haut gehen, wie der von dem 18-jährigen Fahranfänger, mit Erlebnisberichten von Polizisten, Feuerwehrlern und Ärzten im Einsatz, mit Diskussionen über das "Komasaufen" nach dem Motto "Auf die Plätze - fertig - voll" und mit einer großen Rettungsübung vor dem Schulhaus.

"Vor allem auf emotionaler Ebene", so erklärt Claudia Stork von der Landeszentrale die Art der Veranstaltung, sollen die jungen Leute dabei gepackt werden. Also steht den ganzen Vormittag über - nach einem ersten "Disco-Fieber" vor zwei Jahren im Landratsamt gestern erstmals in der Rother Berufsschule - das Dabeisein im Vordergrund. Was durchlebt der Polizist, der nachts um vier vor der Haustür einer Familie steht und Eltern den Tod ihres 18-jährigen Sohnes mitteilen muss? Wie lange dauert es, bis die Feuerwehr, der Notarzt sich bei einem Unfall überhaupt bis zum Verletzten vorarbeiten und ihm helfen können?

"Das alles kennen die Schüler ja nicht, sie haben es noch nicht erlebt", sagt Richard Bauer, stellvertretender Sachgebietsleiter für Verkehr beim Rother Landratsamt. Also will er mit Landeszentrale und Einsatzkräften das Risikobewusstsein schärfen. Nicht nur mit der trockenen Aufklärung über die Grenzwerte für Drogen und Alkohol am Steuer - "darüber wissen die Schüler ziemlich gut Bescheid".

Wichtiger finden die Veranstalter das Mitfühlen. "Ihr spielt mit eurem Leben", schärft dann auch der stellvertretende Schulleiter Andreas Betz den jungen Leuten ein "und mit dem der Beteiligten". Also erst überlegen vor der Autofahrt in die Disco! "Wenn ihr dann schon in der Disco seid, ist es eigentlich zu spät", mahnt er und setzt hinzu: "Ich war bei zwei Beerdigungen von Schülern dabei. Es müssen nicht noch mehr sein."

Geschminkte Wunden

So schnell und schlimm kann es enden, wenn man die Promille mit ans Steuer nimmt. Bei der Aktion Disco-Fieber zeigte ein großes Aufgebot von Feuerwehr und BRK, wie Verletzte aus dem Unfallauto befreit und versorgt werden.  Foto: Scherbel, RHVZunächst machen die Zehnt-, Elft- und Zwölftklässler noch kleine Späße über gute Schminke, als sie dann ihre beiden mit (Kunst-)Blut und Wunden übersäten Mitschüler vor dem Schulgebäude in dem völlig demolierten Demonstrationsauto sitzen sehen.

Doch die in Echtzeit dargestellte Rettungsaktion für die beiden "Verletzten" lässt manchen Fahranfänger doch genauer hinsehen: Wie lange dauert es, bis sich die BRK-Retter und der Notarzt mit Schmerzmitteln und Infusionen zu den Eingeklemmten vorarbeiten. Zeit kostet es auch, bis die Feuerwehr, die mit dem großen Hilfeleistungslöschfahrzeug 2016 und kompletter Besatzung anrückt, das Unfallauto aufbockt und damit für den Schädelverletzten stoßunempfindlich machen kann.

Erst dann kommt der Rettungsspreizer zum Einsatz. Kommentiert wird das Geschehen von Kreisbrandinspektor Erwin Schlager, von BRK-Einsatzleiter Hans Raithel, von Feuerwehrkommandant Werner Weigel und vom BRK-Notarzt Dr. Eckart Friedrich, so dass die Schüler am Rand den Ablauf der Rettungs- und Bergungsaktion genau mitbekommen. Wie stark der Eindruck ist und ob er nachhaltig wirkt, wissen die Veranstalter von "Disco-Fieber" nicht. Aber Claudia Stork und Richard Bauer sind sicher, dass nach dem Vormittag einige erkennen, "wann es richtig ist, den Autoschlüssel abzugeben".